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Märchen sind die letzte
Literaturgattung,
die uns in dem Glauben verführt,
dass die Liebe eine
Chance auf dieser Welt hat.
Eugen Drewermann


Märchen: Die Puppe im Garten

Es war einmal eine kleine Puppe mit hübschen, braunen Augen, glänzendem Haar und einem geschmeidigen und biegsamen Körper. Hübsche Kleider hatte sie an und feine Schühchen. Auf dem Kopf trug sie eine Schleife, die in der Sonne golden glänzte.

Diese Puppe war eigentlich eine Schmuse- und Kuschelpuppe, aber diese Zeiten waren lange vorbei. Jetzt lag sie hier in diesem verwilderten Garten und keiner kümmerte sich um sie.

Zu diesem Garten gehört auch ein Haus. Und zu dem Haus Menschen, aber die waren lange ausgezogen. Früher, ja früher, als sie noch kuscheln durfte mit dem kleinen Mädchen, da ging es ihr gut.

Aber eines Tages blieb das kleine Mädchen einfach weg. So lag sie noch einige Zeit in dem Zimmer des kleinen Mädchens und versuchte ihrer Trauer Ausdruck zu geben. Aber Puppen können ja bekanntlich nicht weinen und so stauten sich alle Tränen in ihrem Inneren. Sie meinte manchmal daran ersticken zu müssen, aber sie tat es nicht.

Dann kamen die beiden Menschen, die das kleine Mädchen immer Mama und Papa genannt hatte und trugen alle Sachen fort. Auch die Puppe. Zunächst standen alle Sachen im Garten und wurden dann in ein großes Auto geladen. Nur die Puppe blieb zurück. Sie fiel aus einem der vielen großen Kartons heraus und niemand hat sie mehr beachtet.

Die Puppe versuchte auf sich aufmerksam zu machen, aber Puppen können bekanntlich nicht sprechen. Und so blieb sie im Garten liegen.

Alle Menschen waren weg. Sie war allein. Nachts wurde es jetzt kalt, denn der Winter war nah. Und die Zeit verging. Stunde um Stunde, Tag um Tag. Die Glocken der nahen Kirchturmuhr verkündeten es.

Aber unsere Puppe hatte darauf keinen Einfluss. Sie lag im Gras und starrte in den Himmel, diese endlose Weite über ihr und sie konnte sich noch nicht einmal bewegen¬ denn sie war ja nur eine Puppe. Dazu geboren, immer zu gehorchen, immer zu schweigen und keine eigene Meinung zu haben. Das sollte wohl ihr Schicksal sein.

Aber sie gab nicht auf. Eigentlich wäre sie nämlich viel lieber ein Mensch gewesen. Ein Mensch mit Gefühlen, der leben und atmen konnte, der die Freiheit und die unendliche Weite des Alls genießen konnte. Ein Mensch, der Spaß haben konnte und der viel lesen, hören und lernen konnte. Es gab doch so viel zu entdecken auf der Welt! Aber sie war eben nur eine Puppe.

Die Zeit verging. Der Winter kam und bedeckte sie mit Schnee. Das schöne Kleidchen wurde schmutzig und die Haare verfilzten. Die Puppe fröstelte. Und wäre sie ein Mensch gewesen, so wäre sie sicherlich schon lange tot gewesen.

Das Frühjahr kam, und es wurde langsam wieder wärmer. Eines Tages hörte die kleine Puppe Stimmen in der Nähe des Gartens. Ganz fest klammerte sie sich an den Gedanken, dass jemand sie finden möge und wieder lieb zu ihr war. Was war denn eine Schmusepuppe wert, die im Garten im Gras lag?

Das war nicht ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe war anderen Menschen ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit zu geben, weil viele Menschen untereinander es nämlich nicht können. Und so sind die Puppen ein Ersatz dafür.

Die Stimmen kamen näher. Ja, aber... das war doch mein Menschenkind, das da stand! „He, du, siehst du mich denn nicht? Ich bin es, deine Puppe! Ich möchte wieder zu dir! Ich möchte dir Liebe, Wärme und Geborgenheit geben! “

Das Menschenkind kam jetzt genau auf die Puppe zu. Nun sieh’ doch endlich mal auf den Boden! Nicht nur in den Himmel! Hier auf dem Boden im Dreck bin ich. Auch wenn ich derzeit keine Schönheit mehr bin, lieben kann ich noch immer! Liebe ist nicht von Äußerlichkeiten abhängig.
„Menschenkind, bitte pass doch etwas besser auf. Fast wärst du auf mich drauf getreten. Mein Kleidchen hast du schon fast berührt. Sieh' mich doch einmal an! “

Aber das Menschenkind entfernte sich schon wieder, blieb eine Weile am Baum stehen, umarmte ihn und wandte sich dann wieder ab.

Was war denn das? Das Menschenkind weinte ja! Mit so einem verschleierten Blick konnte es mich ja auch nicht sehen, dachte die Puppe bei sich.

Das Menschenkind putzte sich die Nase, wischte noch einmal die Augen und plötzlich fiel sein Blick auf die Puppe. Es traute seinen Augen nicht. Zögernd kam es auf die Puppe zu.

„Ja, Runa, das bist ja du!“, sagte das Menschenkind und hob die Puppe sacht hoch. So lange hab’ ich dich gesucht. Bin ich froh, dass ich dich wieder gefunden habe! Ich werde dich mit nach Hause nehmen und deine Kleidchen waschen. Jetzt sollst du es wieder gut haben!“

Viele, viele Jahre sind seitdem vergangen, aber die Puppe ist noch immer bei ihrem Menschenkind und wird wohl auch jetzt für immer dort bleiben.

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Das Schreiben
löst die Illusion vom individuellen Sein auf,
und man wird Teil eines Ganzen.
Das liebe ich am Schreiben:
Cornelia ist mit einem Mal ganz viele.

Cornelia Funk


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