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Märchen sind die letzte
Literaturgattung,
die uns in dem Glauben verführt,
dass die Liebe eine
Chance auf dieser Welt hat.
Eugen Drewermann


Märchen: Der Rosenräuber

Es war einmal vor langer Zeit eine junge Prinzessin, die auf einem großen Schloss lebte. Sie war sehr fröhlich, diese junge Prinzessin und alle Diener des Schlosses hatten sie sehr gern, denn sie war stets nett und freundlich zu ihnen – nicht so wie ihr Vater, der immer herrschsüchtig herumkommandierte und die Diener manchmal für Nichtigkeiten anschrie und niedermachte.

Bei der jungen Prinzessin fanden sie jedoch immer ein Ohr und die Prinzessin tat ihrerseits ihr möglichstes, um ihrem Vater mehr Freundlichkeit beizubringen, aber der König traute der Freundlichkeit nicht und meinte, Diener müssten kommandiert werden, sonst würden die nicht das tun, was man sagt.

Da hatte zwar die junge Prinzessin mit den Dienern des Schlosses ganz andere Erfahrungen gemacht, aber die zählten beim König nicht. Und so war jedermann froh, wenn sich der König nicht so oft blicken ließ.

Das Schloss, auf dem die Prinzessin lebte, hatte auch einen riesigen, wunderschönen Garten, der fast so groß war wie zehn große Parkanlagen. Viele Gärtner waren damit beschäftigt, diesen herrlichen Garten zu pflegen und in Ordnung zu halten. Der Rasen wurde immer prächtig gemäht, die Hecken waren stets gepflegt und die Blumen und Bäume wuchsen prachtvoll.

Die junge Prinzessin liebte diesen Garten sehr, vor allem die vielen wunderschönen Rosen, die in allen Farben leuchteten und so wundervoll dufteten.

Eines Tages, die Prinzessin saß in einem Liegestuhl im Garten und las ein Buch, kam ganz aufgeregt einer der Gärtner zu ihr gelaufen und rief ganz außer Puste: „Geliebte Prinzessin, hier im Garten sind Räuber am Werke! An unserer großen Rosenhecke fehlten heute Morgen schon so viele Rosen, aber es werden stündlich mehr. Keiner der Gärtner kann sich das so recht erklären. Aber bitte, seht es euch doch selbst einmal an. Die Rosenhecke ist schon ganz kahl geworden!“

Die Prinzessin blieb ruhig, obwohl sie nicht so recht begreifen konnte, dass jemand die Rosen stehlen würde. Was sollte das für einen Sinn haben? Und als sie an der Rosenhecke angelangt war, war sie sprachlos vor Erstaunen, denn es waren nur noch fünf rote Rosen an der Hecke und es sah ganz jämmerlich aus – ein Bild zum weinen!

„Ach, die schönen Rosen! Wo sind sie bloß hin?“ fragte die junge Prinzessin. „Gärtner, lasst alle Diener rufen. Sie sollen sich im Schloss und im Garten nach dem Räuber umsehen. Und lasst meinen Freund, das Einhorn rufen, der ja immer ein gutes Gespür für solche Rätsel hat. Ich bleibe derweil hier und bewache die restlichen Rosen!“ Und der Gärtner tat, wie ihm geheißen wurde.

Es dauerte nicht lange, da kam das Einhorn zur Prinzessin. „Ich habe von eurem Leid gehört, liebe Prinzessin und ich sehe, ihr bewacht die letzte Rose!“

„Wieso die letzte?“ entfuhr es der Prinzessin, aber dann sah sie die Bescherung, denn es war wirklich nur noch eine Rose an der Hecke übrig geblieben.

„Das verstehe ich nicht, mein Einhorn. Ich habe die ganze Zeit über hier gestanden und die Rosen bewacht. Da können doch die Rosen nicht so einfach verschwinden!“

„Ja, das ist in der Tat sehr mysteriös“, sinnierte das Einhorn und plötzlich schnupperte es etwas, ließ sich aber nichts anmerken. Stattdessen sagte es: „Kommt Prinzessin, hier können wir ohnehin nichts mehr tun“, behielt aber immer die Rosenhecke im Visier und zog die Prinzessin etwas von der Hecke weg.

Das Einhorn war sich ziemlich sicher, dass der unsichtbare Räuber hier in der Nähe war und war bereit, ihn zu entlarven. Plötzlich roch er wieder etwas, senkte sein Haupt und rannte mit seinem Horn voran auf die Hecke zu.

Dann traf er schlagartig auf etwas Unsichtbares, das er aufgrund des Schwunges in die Hecke manövrierte und beide hörten ganz deutlich ein „Aua, verflucht!“ und blickten erstaunt in die Richtung, aus der diese Töne kamen.

Dann raschelte es in der Rosenhecke und plötzlich sahen sie einen jungen Mann, der sich sein schmerzendes Hinterteil rieb.

„Du also bist der Räuber der Rosen!“,  rief die Prinzessin.

Der junge Mann erschrak sehr, denn er dachte, dass man ihn mit der Tarnkappe nicht sehen konnte, bemerkte aber sogleich, dass die Kappe sich an den Dornen der Rosenhecke verfangen hatte und jetzt darin hing.

„Ja, Prinzessin, ich bin der Rosenräuber. Und ich stehe zu dem, was ich getan habe! Die Rosen müssen verbannt werden, denn sie sind ein Zeichen der Liebe. Und da es keine Liebe mehr unter den Menschen gibt, braucht es auch keine Rosen mehr zu geben!“

„Wo hast du denn die Rosen hingebracht?“,  fragte die junge Prinzessin und fand, dass dieser junge Mann eigentlich sehr sympathisch sein müsste und sie sich vielleicht sogar in ihn verlieben könnte. Aber erst musste diese unschöne Sache mit den Rosen geklärt werden.

„Sie sind alle an einem geheimen Ort aufbewahrt!“,  sagte der junge Mann.

„Gut, dann werden wir sie zurückholen“, sagte die Prinzessin und nahm den Rosenräuber bei der Hand. Er war noch unentschlossen, ob er es tun sollte, denn sein Hass auf die Liebe war noch sehr groß. Aber das Einhorn nickte ihm bedächtig zu und noch mal so einen Stoß ins Hinterteil wollte er nicht habe. Außerdem sah ihn die Prinzessin mit ihren großen, treuen Augen bittend an und da konnte er nicht mehr widerstehen und führte sie und das Einhorn ans Ende des großen Gartens, wo die Rosen fein säuberlich aufgestapelt auf einem großen Haufen lagen.

„Die schönen Rosen!“,  rief die Prinzessin und war für einen Moment lang traurig, aber dann hatte sie eine Idee. „Kommt, Rosenräuber, wir wollen die Rosen an die Menschen in der Stadt verteilen.“ Davon war der junge Mann nun gar nicht erbaut, aber er spürte instinktiv, dass er hier eine große Chance hatte, etwas von der Prinzessin zu lernen und so ging er mit.

Sie besorgten sich einen kleinen Handwagen, luden die vielen Rosen darauf und gingen in die Stadt. Dort angekommen, stellten sie sich auf den Marktplatz und die Prinzessin verteilte die Rosen an die Menschen, die vorbei kamen.

„Viel Glück wünsche ich ihnen“, oder „Einen schönen guten Tag“, sagte die Prinzessin zu den Leuten, die eine Rose erhielten und zauberte damit ein kleines, scheues Lächeln auf die sonst so grimmigen Gesichter der Menschen.

„Komm', probier es auch einmal“, sagte die Prinzessin zu dem jungen Mann. „Es ist gar nicht so schwer, wie du vielleicht denkst, Liebe zu geben. Man muss es nur wollen!“ Und sie gab dem jungen Mann eine Rose mit den Worten: „Ich liebe dich“. Das Blut schoss in die Wangen des jungen Mannes, denn das hatte noch nie jemand zu ihm gesagt und er fühlte sich tief in seinem Herzen berührt.

Und so machte er es der Prinzessin einfach nach und verteilte mit vielen lieben Worten die Rosen an die Bürger der Stadt. Eine Rose aber bewahrte er sich für die Prinzessin auf. Und als alle anderen verteilt waren, überreichte er diese Rose der Prinzessin mit den Worten: „Ich danke dir für das Vertrauen, dass du mir entgegen gebracht hast. Ich weiß jetzt, dass die Liebe das Wichtigste auf Erden ist und ich wünsche mir, dass wir beide uns noch sehr viel mehr davon geben werden. Ich liebe dich, Prinzessin!“ Und eine kleine Träne kullerte auf seiner Wange herunter.

Die Prinzessin küsste ihm die Träne zärtlich weg und bald darauf wurde im Land Hochzeit gefeiert. Die Rosen im Schlossgarten aber wurden mehr denn je von dem jungen Paar gehütet und verehrt.

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Das Schreiben
löst die Illusion vom individuellen Sein auf,
und man wird Teil eines Ganzen.
Das liebe ich am Schreiben:
Cornelia ist mit einem Mal ganz viele.

Cornelia Funk


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