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Märchen sind die letzte
Literaturgattung,
die uns in dem Glauben verführt,
dass die Liebe eine
Chance auf dieser Welt hat.
Eugen Drewermann


Märchen: Der Esel mit dem kurzen Hals

Es war einmal ein Eselchen, der hieß Guco. Er lebte allein draußen im Wald, denn Eltern hatte er keine mehr. Zumindest meinte Guco keine zu haben. In Wahrheit gab es selbstver¬ständlich Eltern. Wie sonst wäre Guco wohl auf die Welt gekommen?

Aber das mit den Eltern war so ein Problem. Immer wollten die etwas anders als Guco und nörgelten und korrigierten und wollten, dass Guco ihr beider Ebenbild wurde. Aber Guco war von Kindesbeinen an sehr halsstarrig und wollte seinen eigenen Willen durchsetzen, wie das für Esel wohl auch so üblich ist. Guco's Vater übte sehr viel Druck auf ihn aus und sagte oft: „Wenn du nicht ... –  dann ...“ oder „Noch setzt du deine Beine unter meinen Tisch ...“ und „Du hast zu gehorchen, wenn ich dir etwas sage.“

Guco konnte alle diese Sätze und Phrasen auswendig! Wie gut er sie alle kannte! So gut, dass sie ihm fast aus den Ohren wieder herauskamen. So steckte Guco seinen Kopf tief zwischen die Schultern, so wie man das macht, wenn man Angst vor Prügel hat. Zwar war Guco selten geschlagen worden, aber die seelischen Prügel, die er bezog waren tausendmal schlimmer.

So wurde Guco ruhig und zog sich immer mehr in sich selbst zurück, so, wie Schnecken es tun, wenn sie sich fürchten. Sie ziehen ihren Kopf in ihr Schneckenhaus zurück. Und genauso machte es Guco auch. Fast sah es so aus, als wenn er keinen Hals mehr hatte. Auf dem Rumpf saß gleich der Kopf.
So verging Jahr um Jahr. Und obwohl eigentlich jeder Esel einen Hals hat, verschwand Gucos immer mehr und mehr, aber er gewöhnte sich daran. Als Guco älter wurde, meinte er, dieses Gerede seines Vaters nicht mehr länger mit anhören zu müssen. So zog er von dannen. Allerdings nicht sehr weit. Einen Tagesmarsch von der Höhle seiner Eltern entfernt fand er seine eigene Höhle, wo er sich verkriechen konnte.

Eigentlich hatte er ja weiterwandern wollen, aber irgendetwas in seinem Inneren hielt ihn davon ab. Hatte er seine Eltern etwa doch lieber, als er sich das eingestehen wollte? Er machte hier erst mal halt. Wenn es zu schlimm werden sollte, standen ihm eben beide Wege offen.

Der schnelle Weg zurück zu seinen Eltern, die ihn sicher mit offenen Armen empfangen würden und der Weg in die Ferne – in die wahre Freiheit. Aber vorerst war es noch ganz bequem so. So lebte Guco vor sich hin. Er aß, wanderte im Wald herum, putzte und schmückte seine Höhle, faulenzte und ab und zu kamen seine Freunde zu Besuch.

Eines schönen Tages, Guco lag vor seiner Tür und sonnte sich, kam ein junger Mann des Weges. „Hey, du Esel, “ setzte der Mann zum sprechen an, „kannst du mir...“ kam aber nicht weiter, denn Guco hatte sich aufgerichtet und da fiel der junge Mann in schallendes Gelächter.

„Was? Du willst ein Esel sein? Das ich nicht lache! Sieh' dich doch mal an! Ohne Hals. Den Kopf auf dem Rumpf! Ein Hanswurst bist du! Ein Nichts!“ Und er ging lachend seines Weges.

„Selber Hanswurst“, dachte sich Guco, aber etwas zu sagen traute er sich nicht. Zu oft hatte sein Vater ihm den Mund verboten und so hatte er es aufgegeben, zu sich selbst zu stehen. Sollten die anderen doch labern und lachen! Auch ich lebe. So. Und jetzt verkrieche ich mich noch mehr. Das habt ihr nun davon! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.

Und so gingen die Jahre dahin. Ohne es zu merken, fingen langsam die Schultern an zu schmerzen. Die Muskeln hatten sich im Laufe der Jahre sehr stark verhärtet. Und da sie von Guco immer gegen die Natur benutzt wurden, fingen sie eines Tages an zu rebellieren. Erst ganz schwach, aber dann immer stärker. Guco versuchte es mit Medizin aus Kräutern und allerlei Wundermitteln aus dem Wald – aber nichts half. Die Schmerzen blieben.

In seiner Verzweiflung rief Guco die Feen und Geister des Waldes, auf das sie ihm helfen mögen. Eine ganze Weile verhallte sein Flehen im Wind, aber eines Tages sprach die gute Fee zu ihm: „Wenn du wahrhaft Heilung willst, mein kleiner Guco, so werde ich dir den fliegenden Teppich senden. Er wird dich in deine Vergangenheit zurück bringen. Und wenn du die Stelle findest, wo du das erste Mal unnötigerweise deinen Kopf eingezogen hast, sage dem Teppich, er möge anhalten. Dann siehe auf diese Szene deines Lebens und korrigiere sie, indem du aufrecht und frohen Mutes mit erhobenem Haupt diese Situation meisterst. Dann kehre zurück in das Hier und Jetzt und vertraue darauf, dass alles gut werden wird. Willst du das machen, kleiner Guco?“

„Ja, das will ich“, erwiderte Guco und prompt tauchte wie aus dem Nichts ein fliegender Teppich auf. Guco setzte sich drauf und der Teppich verschwand mit ihm in seine Vergangenheit. Wie ein Zuschauer sah Guco seinen Lebensfilm vor sich ablaufen und er musste an manchen Stellen sogar lachen.

„Halt, lieber Teppich“, sagte Guco, als er die Szene wieder erkannte, als er zum ersten Mal die Taktik des Kopfeinklemmens und Schultern-Hochziehens ausprobierte.

Sein Vater ergoss gerade einen Redeschwall über Guco. „Du bist jetzt alt genug für die Dinge, die du tust, Verantwortung zu übernehmen“, dröhnte der Vater. „Aber bleib' immer hübsch auf dem Teppich! Sonst setzt es etwas! Ich werde nicht davor zurückschrecken, meine Hand gegen dich zu erheben!“ und hob drohend die Faust in die Luft, so dass Guco fast die Luft weg blieb und er seinen Kopf einzog, weil er dachte, dass er jeden Moment grundlos von seinem Vater geschlagen wird.
Und überhaupt: da sollte er, jung, wie er war, die Verantwortung für sich und sein Handeln übernehmen und gleichzeitig drohte der Vater ihm Schläge an?
Na ja, er würde wohl Recht haben, alt und weise wie er war, dachte sich Guco und zog die Schultern noch weiter an, um seinen Kopf zu schützen. So war das also damals, dachte sich Guco, der noch immer auf dem fliegenden Teppich saß und das Ganze betrachtete. Dann dachte er sich die Szene neu und der Guco von damals zog plötzlich nicht mehr die Schultern ein.

„So, mein Teppich, ich habe getan, was die gute Fee mir sagte. Bring mich bitte jetzt wieder in das Hier und Jetzt.“

Sie flogen eine ganze Weile und Guco merkte, wie sich bei der Reise durch die Zeit seine Schultern allmählich entspannten und in ihre ursprüngliche Form zurückgingen. Es war ein wenig schmerzhaft. Aber viel schmerzlicher war die Tatsache, dass sein Vater ihm so viel Leid beschert hatte und eigentlich doch nichts dafür konnte.

Wieder im Hier und Jetzt angelangt, verschwand der fliegende Teppich so leise und lautlos, wie er gekommen war. „Ja, das hast du gut gemacht, kleiner Guco“, meldete sich noch einmal die gute Fee zu Worte. „Denk' über dein Leben unter dieser geänderten Perspektive noch einmal nach. Und je mehr du erkennst und dich davon löst und die Situationen bereinigst, desto mehr wird dein Hals wieder zum Vorschein kommen und desto geringer werden deine Schmerzen.“

Und noch ehe Guco einen Dank aussprechen konnte, war die gute Fee verschwunden. Guco blieb zurück – aber nicht mehr ganz so einsam, und er hatte das Gefühl, einen ganz großen Schritt nach vorne gemacht zu haben.

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Das Schreiben
löst die Illusion vom individuellen Sein auf,
und man wird Teil eines Ganzen.
Das liebe ich am Schreiben:
Cornelia ist mit einem Mal ganz viele.

Cornelia Funk


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