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Märchen sind die letzte
Literaturgattung,
die uns in dem Glauben verführt,
dass die Liebe eine
Chance auf dieser Welt hat.
Eugen Drewermann


Die Reise des Bettelkönigs

Es war einmal eine Wahrsagerin, die am Ufer eines breiten Flusses wohnte. Sie lebte dort einsam und zurückgezogen in einer kleinen Hütte. Die meisten ihrer Kunden kamen mit dem Boot zu ihr, denn so war es am bequemsten. Dort am Ufer konnte man schön anlegen und das Boot festmachen, damit es von der Strömung des Flusses nicht weggerissen wurde.

Wollte man die Hütte der Wahrsagerin von der anderen Seite aus erreichen, so musste man lange, verschlungene Pfade durch den Wald gehen und es bestand die Gefahr, dass man sich in dem dunklen Wald verirrte.

Eines Tages war ein älterer Mann bei der Wahrsagerin und wollte etwas über seine Zukunft wissen. Dieser ältere Mann war ein getarnter König, der sich in der Kleidung eines Bettlers die Dienste der Wahrsagerin zu Nutze machen wollte ohne die Gegenleistung, Geld oder Essen, dafür zu geben. Die Wahrsagerin spürte, dass etwas mit diesem älteren Herrn nicht in Ordnung war, und ihre Zauberblume ließ plötzlich und unerwartet den Kopf hängen.

Der ältere Herr beklagte sich über dieses und jenes und wollte die Wahrsagerin aushorchen und für seine Ziele ausnutzen.

„Dein Leben ist wie eine Fahrt mit dem Boot auf dem Fluss. Du hast vielerlei Möglichkeiten. Du kannst gegen den Strom rudern, aber das kostet Kraft. Andererseits brauchst du nicht rudern, wenn du mit dem Strom fließt. Du kannst es aber tun, um noch schneller zu sein. Die beste aller Möglichkeiten aber ist, sich treiben zu lassen und nur das Ruder zur Kurskorrektur zu benutzen,“ sprach die Wahrsagerin und sah dem Mann fest in die Augen.

„Das ist ja alles schön und gut, was du mir da erzählst, aber das weiß schon ein kleines Kind. Ich will von dir wissen, was mir die Zukunft bringt,“ meinte der ältere Herr, jetzt schon sichtlich etwas nervöser und aufgeregter.

„Benutze dein Boot und schärfe deine Sinne. Mehr kann ich dir nicht sagen,“ entgegnete die Wahrsagerin.

„Wenn du mir nicht helfen willst, dann lässt du es eben,“ tobte der ältere Herr, „aber erwarte nicht von mir, dass ich mich erkenntlich zeige.“ Sprach’s und verließ fluchtartig das Haus der Wahrsagerin.

Kaum war der Mann wieder draußen, richtete sich die Zauberblume wieder auf. „Er ist kein guter Mensch. Er hat böse Absichten. Ich fühle mich schlecht, wenn er in der Nähe ist,“ sagte die  Zauberblume zur Wahrsagerin. 

„Nein, ich glaube, du irrst dich“, entgegnete diese. „Er hat sich nur getarnt. Es gibt keine bösen Menschen. Tief in seinem Innern ist jeder Mensch gut und weise. Du wirst schon sehen!“ Und die Zauberblume wurde das Gefühl nicht los, als wenn ihr noch ein interessantes Erlebnis mit diesem Mann bevorstand.

Kaum hatte sie das gedacht, klopfte es an der Tür und der ältere Mann betrat den Raum wieder.
„Mein Boot ist weg“, erklärte er ganz aufgebracht. „Ist einfach ohne mich davon getrieben! Bitte helft mir! Wie komme ich jetzt wieder hier weg?“ Der Mann atmete ganz schwer.

„Ich werde dir meinen Heißluftballon leihen“, erklärte die Wahrsagerin. „Wenn du das Gesetz des Lebens auf der Reise entdeckst, so wird er dich schnurstracks nach Hause bringen. Erkennst du es aber nicht, so wird er sich einen Ort aussuchen, an dem er dich absetzt. Willst du dieses Risiko eingehen oder lieber zu Fuß durch den Wald marschieren? Sprich!“

Der König fackelte nicht lange mit seiner Antwort, denn ihm als König ziemte es nicht, zu Fuß zu gehen. Wenn ihn nun jemand trotz dieser zerlumpten Kleidung erkennen würde! Nein. Unmöglich. Er musste das Risiko mit dem Ballon eingehen und überhaupt: Es gab doch sicher einen Weg, diesen Ballon zu überlisten.

„Ich nehme den Ballon“, verkündete er voller Stolz. Einige Minuten später waren alle Vorbereitungen getroffen und der getarnte König stieg in den Ballon und schwebte los.
„So, Ballon, jetzt aber mit Volldampf zu meinem Schloss!“, sagte der König. Aber genau in diesem Moment drehte sich der Ballon in die entgegen gesetzte Richtung.

Der König wurde wütend. „Du hast gefälligst zu gehorchen“, schrieen er und noch einige andere Worte, die sich eigentlich nicht gehörten. Und schon gar nicht für einen König. Der Heißluftballon segelte jetzt genau über einem kleinen Fluss entlang. Am Ufer standen viele Bäume und Wälder, eine wunderschöne Landschaft in der Abendsonne.

Aber all das sah der König nicht in seiner blinden Wut und Raserei. So konnte er die Gesetze des Lebens niemals entdecken! Aber der Ballon hatte Zeit und Geduld. Er flog gemächlich dahin, schüttelte sich und seinen Insassen etwas durch und ... verlor langsam und stetig Luft aus einem kleinen Loch an der Oberseite des Ballons.

Als der König das bemerkte, wollte er die Luft wieder auffüllen, aber die Ersatzflaschen waren leer. Der König bäumte sich noch einmal auf, schimpfte wie nichts Gutes und nach stundenlangem Zaudern gab er den Kampf auf, weil es keinen Sinn mehr hatte und er sich seinem Schicksal ergeben wollte.

„Ach, was soll's“, sagte er. „Sterben muss jeder einmal. Der eine eher und der andere später. Hätte ich gewusst, dass ich so früh schon sterben muss, hätte ich mehr gelebt und mehr Freude in mein Leben gelassen. So ist mein Leben nur trist und öde verlaufen. Adios, schöne Welt. Es war nett mir dir!“

Und kaum hatte er zu Ende gesprochen, bekam der Ballon wieder Auftrieb, änderte automatisch seinen Kurs und flog geradewegs zum Schloss des Königs.

Dort angekommen setzte er den König auf dem obersten Plateau ab und machte sich selbst auf den Heimweg.

„Danke für alles“, rief der König ihm nach. „Sage auch Dank der Wahrsagerin, die immer gewusst hat, was für mich gut ist. Ich werde mich bei nächster Gelegenheit erkenntlich zeigen.“
Und mit einer Träne im Auge winkte er dem Ballon hinterher.

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Das Schreiben
löst die Illusion vom individuellen Sein auf,
und man wird Teil eines Ganzen.
Das liebe ich am Schreiben:
Cornelia ist mit einem Mal ganz viele.

Cornelia Funk


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