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Märchen sind die letzte
Literaturgattung,
die uns in dem Glauben verführt,
dass die Liebe eine
Chance auf dieser Welt hat.
Eugen Drewermann


Die Prinzessin und der Höllenhund

Es war einmal ein Höllenhund namens Wandi. Er lebte im großen Wald draußen vor der Stadt und viele Menschen hatten Angst vor ihm. Man sagte ihm nach, dass er die Macht besitzt, jedermann, der nicht nach seiner Nase tanzte, an den Galgen zu bringen.

So mieden die Leute den Wald. Aber das war nicht das Schlimmste an der Geschichte. Ohne den Wald konnte man auskommen. Die Menschen wollten aber ihren König sehen und seine wunderschöne Tochter, die am anderen Ende dieses Waldes lebten und derzeit nur in eine Richtung regieren konnten, denn zwischen ihren anderen Untertanen war der große Wald mit dem Höllenhund, den alle so sehr fürchteten.

Die Tochter des Königs, Prinzessin Anuga, hatte nun eines Nachts einen Traum. Ein Engel war ihr erschienen und hatte ihr gesagt, dass sie ihre Angst vergessen sollte, denn es gäbe nichts, rein gar nichts, worüber sie sich Sorgen machen müsste. Sie sollte die Zugbrücke, die über den breiten Schlossgraben führte, herunter lassen und ständig unten lassen, damit jedermann rein und raus konnte. Weiterhin sollte sie die Wachen dort wegnehmen und ein großes Schild an das Tor hängen mit der Aufschrift: „Jedermann ist uns gern willkommen. Bitte tretet ein.“

Alleine aber konnte die Prinzessin Anuga das nicht entscheiden, obwohl sie ja schon alt genug war. Sie brauchte die Einwilligung ihres Vaters; und sie befürchtete, dass er nie sein Einverständnis geben würde. Und so war es auch.

„Bist du verrückt geworden?“ polterte er los, als sie ihr Anliegen vorgebracht hatte. „Ich habe genug Probleme, die gelöst werden sollen und da kommst du und sagst, ich soll mein Heim auch noch für Fremde öffnen und für den stadtbekannten Höllenhund, vor dem sich jedermann fürchtet? Du bist ja nicht bei Sinnen! Geh' in dein Zimmer und komm' da nicht eher raus, bis ich es dir erlaube!“ Und dabei überschlug sich seine Stimme fast.

„Aber ich ...“ machte die Prinzessin einen neuen Versuch.

„Ruhe! Ich dulde keine Widerrede! Marsch!“ Die Stimme des Königs fing an zu zittern und er wurde kreidebleich.  Die Prinzessin ging traurig in ihre Gemächer und überlegte, was sie tun konnte. Und wieder erschien ihr im Traum der Engel.

„Habe ein wenig Geduld“, sagte er. „Es wird sich alles fügen. Alles zur rechten Zeit.“

Als die Prinzessin am nächsten Morgen aufwachte, war sie voller Zuversicht und Vertrauen und machte sich auf, ihren Vater zu besuchen. Man sagte ihr, dass es ihm nicht gut ginge und er stöhnend im Bett liegen würde. Und so machte sich die Prinzessin auf zu seiner Kammer.

„Ach, Anuga, mein Kind“, sagte er. „Ich fürchte, es geht mit mir zu Ende und dabei wollte ich noch so viele Dinge erledigen. Das wirst du jetzt für mich tun müssen.“ Seine Stimme war schwach und kaum zu verstehen.

„Nein, Vater, noch ist es für dich nicht Zeit zum Sterben. Du hast noch ein paar Jahre zum Leben. Also werde wieder gesund!“

„Ach, mein Kind, ich bin ein alter Mann und des Lebens überdrüssig. Ich habe vom Leben nicht viel gehabt und du sollst es besser haben als ich. Was möchtest du denn für Wünsche erfüllt haben?“
Ich möchte, dass du die Zugbrücke öffnest, “ sagte Anuga ruhig.

„Nein, das ist mein Tod!“ schrie der König.

„Ich verstehe dich nicht, Vater. Eben erzählst du mir, du seiest des Lebens überdrüssig. Dann können wir auch die Tore öffnen!“ flehte die Prinzessin und sie war, wie so oft, dem weinen nahe. „Ich habe keine Angst vor dem Höllenhund. Er wird uns nichts tun.“

Der König überlegte noch einen Mund und sagte dann ganz leise: „Also, in Gottes Namen. Mach', was du meinst!“

Und die Prinzessin rannte los. Die Kunde, das die Zugbrücke gefallen war, verbreitete sich in Windeseile im ganzen Land und setzte die Menschen in Erstaunen. Neugierig kamen sie in Scharen, um das Wunder zu sehen. Auch dem Höllenhund blieb diese Nachricht nicht fern und auch er machte sich auf den Weg zum Schloss. Mit großen, schweren Schritten stapfte er auf das Schloss zu. Bedrohlich sah er aus mit seinen großen Pranken, aber wenn man genau hin sah, hatte er traurige Augen.

Der Höllenhund ging in das Schloss hinein und steuerte geradewegs auf die Kammer des Königs zu und öffnete die Türe. Der König und die Prinzessin erschraken.

„Mein Ende naht“, sagte der König dumpf und vergrub sich tiefer in seine Kissen. Die Prinzessin Anuga aber hatte ihre Courage nach dem kurzen Schrecken wieder gefunden und steuerte geradewegs auf den Höllenhund zu.

„Halt!“ sagte dieser. „Bitte bleib' stehen! Ich tue euch nichts zuleide. Ich möchte euch nur kurz erzählen, dass die ganzen Geschichten über mich nicht wahr sind. In Wirklichkeit bin ich etwas ganz anderes, wie ihr noch sehen werdet. Aber die Angst der Menschen hat auch ihren Blick verschleiert. Seit Jahren warte ich auf den Menschen, der keine Angst vor mir hat und mich erlösen kann. Ich glaube, ich habe diesen Menschen jetzt gefunden. Und wenn du, Anuga, mir deine Liebe zeigst, so will ich dich glücklich machen!“

Und die Augen des Höllenhundes blickten die Prinzessin bittend an. Selbst der König wurde ein wenig sentimental und überdachte seine Einstellungen. Die Prinzessin Anuga aber trat auf den Höllenhund zu, umarmte ihn und küsste ihn mitten auf die Nase.

Im gleichen Moment gab es einen großen Knall und ein Blitz zischte durch den Raum. Und die Prinzessin fand sich in den Armen eines großen, starken Jünglings wieder und verliebte sich sofort in ihn – und er sich in sie. Worte waren in diesem Moment überflüssig.

„Danke“, sagte der Jüngling. „Nur Liebe kann uns erlösen. Und das ist es, was den Menschen fehlt. Wir wissen es jetzt und können dieses Wissen jetzt an alle Menschen auf der Welt weitergeben. Liebe sagt mehr als Worte!“

Der König wurde wieder gesund und das junge Paar war bald stadtbekannt als 'die Boten der Liebe'.

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Das Schreiben
löst die Illusion vom individuellen Sein auf,
und man wird Teil eines Ganzen.
Das liebe ich am Schreiben:
Cornelia ist mit einem Mal ganz viele.

Cornelia Funk


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